Brahms, 2. Sinfonie. Konzerteinführung Abo-Konzert März 2007
Bereits der junge Johannes Brahms wurde von Robert Schumann als künftigen Meister erkannt, im Jahr 1853 widmete ihm Schumann in seiner „Neuen Zeitschrift für Musik“ einen überschwänglichen Artikel in welchem er in bester Absicht wahre Wundertaten prophezeite, falls Brahms sich dazu entschließen würde, Sinfonien zu komponieren. Derart unter die kritische Betrachtung der musikalischen Öffentlichkeit gestellt und belastet mit der Frage, was nach dem einen übermächtigen Schatten werfenden, 1827 verstorbenen Beethoven in der Sinfonie noch zu sagen wäre, zögerte Brahms – und Komponierte Meisterwerke für kleinere Besetzung. Erst im Jahre 1876, nachdem er fünfzehn Jahre an ihr gearbeitet hatte war Brahms bereit, seine erste Sinfonie zu veröffentlichen. Nach diesem Befreiungsschlag folgte ihr bereits im Jahr darauf die, vermutlich in Teilen parallel entstandene Zweite in D-Dur. Der erste Satz hält sich an die klassische Sonatenhauptsatzform und beginnt mit einer kurzen Geste, die in ihrer scheinbaren Schlichtheit beinahe einem der von Brahms geschätzten und bearbeiteten Volksliedern entstammen könnte. In diesem Thema ist bereits angelegt, was der gesamten Sinfonie seit Ihrer Uraufführung am 30. Dezember 1877 mit seltener Einigkeit zugesprochen wird: sie ist ein von der Anmutung heiteres Werk, das sich dem Zuhörer nicht verwehrt und sich auch beim Hören - vor allem im Gegensatz zu Brahms` eher nachdenklichen ersten Sinfonie – in ihrer trotz froher Gesinnung vorhandenen Tiefe erfassen lässt. Brahms` großzügiger, jedoch niemals verschwenderischer Umgang mit dem thematischen Material zeigt sich ebenfalls im ersten Satz. Durch seine Mittel des variativen Gestaltens kommt er zu immer weiteren thematischen Bausteinen, die sich in sinnhafter Beziehung aneinander binden und dem so Satz sein Gerüst verleihen. Die motivisch-thematische Arbeit ist auf diese Weise nicht auf die Durchführung beschränkt, sondern auf den gesamten Satz ausgedehnt. Grundlegender Baustein hierfür ist das eingangs erwähnte und bereits im ersten Takt in den Bässen auftretende Thema. Einen für die Entstehungszeit des Werkes „wieder“ neuartigen Aufbau wählte Brahms für das Scherzo, das den dritten Satz bildet. Originellerweise kehrt er die tradierten Verhältnisse um: der Hauptsatz erscheint trioartig, die Presto-Teile dagegen wie ein Scherzo, wobei sie ihre thematischen Gedanken aus dem langsameren Trio erhalten. Somit können die Presto-Teile als Variationen des Trio gesehen werden. Brahms als bemerkenswert guter Kenner der musikalischen Vergangenheit könnte sich hierbei den Suitetechniken des Frühbarocks orientiert haben. Welchen Satz man auch betrachten mag – in allen zeigt sich Brahms` Erfindungsgeist und seine kunstvolle, fortschrittliche Art Themen zu verarbeiten, was überkommene Etikett des reinen Traditionalisten absurd erscheinen lassen sollte. Seine „Zweite“ setzte nach der sehr wohlwollenden Aufnahme der Uraufführung rasch durch und wird heute als die populärste der Brahmsschen Sinfonien gesehen.
© 2007, Andreas M. Pirchner |