andreas pirchner

Inhalt

1.        Ausgangssituation - Ziele

2.        Theoretische Hintergründe
2.1      Kommunikationstheorie / Systemtheorie

3.        Implikationen
3.1      Grundsätzliches
3.2      Dramaturgische Aspekte
3.3      Schema der Kommunikation innerhalb des Musiktheaters

4.        Umsetzung
4.1      Besetzung
4.2      Stimmung / Tonvorrat
4.3      Technische Notwendigkeiten
4.4      Gesamtstruktur des Werks
4.5      Situationen 1 bis 3 - Bühnensetting, Handlungsanweisungen und Partitur

1.        Ausgangssituation - Ziele

Ziel ist es, ein System zu erschaffen, in welchem alle Teilbereiche des Musiktheaters (Klangerzeugung, Schauspiel/Gesang, Publikum) an allen Aufgaben zur Hervorbringung des Werks beteiligt sind. Sie sollen dabei in Interaktion stehen, was einer Form der Kommunikation bedingt.
Durch Festlegung von Rahmenbedingungen und Regeln soll die Interaktion/Kom-munikation geleitet werden, so dass das Werk als Prozess dieses Vorgangs entsteht.
Das Werk selbst ist dabei nicht das Produkt völliger Freiheit, Willkür oder etwa aleatorisch. Es soll vielmehr bei jeder Aufführung in einer jeweils Einzigartigen Form entstehen - jedoch als Werk dennoch erkennbar und unterscheidbar sein. Es entsteht bei jeder Realisierung ein mögliches Ergebnis des Regelsystems.

Eine zentrale Idee ist es, die Zuschauer in die musikalischen Geschehnisse einzubinden, indem bei der Aufführung der Klangerzeuger genutzt wird, den jeder bei sich trägt, das Handy. Am Einlass hat jeder der Zuschauer seine Mobilfunknummer anzugeben. Vor dem Stück soll eine Durchsage erklingen, die dazu auffordert, das Handy einzuschalten.
Die Schauspieler können dann laut Partitur die Zuseher anrufen und so zu einem Teil des Klangkörpers machen. Die individuellen Klingeltöne werden dann vom Orchester improvisatorisch aufgenommen und nach einem festgelgten Regelwerk verarbeitet. 

2.        Theoretische Hintergründe

2.1        Kommunikationstheorie / Systemtheorie

    
Jürgen Habermas - Theorie des kommunikativen Handelns

Eine der wichtigen Thesen Habermas ist die Annahme, dass der einzelne Mensch nicht von sich aus zur Vernunft begabt ist. Eine mögliche Quelle der Vernunft stellt jedoch die Kommunikation zwischen Menschen dar, im besonderen mittels der Sprache. Diese kann aber nur funktionieren, falls die Kommunikationsprozesse vernunftorientiert organisiert werden.  Dieses Ziel setzt vorraus, das die am Gespräch beteiligten Individuen darauf verzichten müssen, unmittelbare Wirkung erziehlen zu wollen.
Intersubjektive Wahrheit bedeutet, dass jeder theoretisch mögliche Teilnehmer der getroffenen Aussage zustimmen könnte. Als Ideal wäre eine Gesprächssituation dann anzusehen, wenn es keine Verzerrungen in der Kommunikation gibt.

           1. Gleiche Chancen auf Dialoginitiation und -beteiligung,
        --> kein Dirigent bei Aufführung möglich
           2. Gleiche Chancen der Deutungs- und Argumentationsqualität
           3. Herrschaftsfreiheit
           4. Keine Täuschung der Sprechintentionen.
       
Es ist dabei jedoch offensichtlich, dass diese ideale Situation in der Realität nicht existiert.

Niklas Luhmann - Soziologische Systemtheorie

Eine zentrale Aussage Luhmanns ist, dass ein System dann besteht , wenn eine Operation besteht, die das System mit Hilfe seiner eigenen Elemente reproduziert. Zu jedem System gehört dementsprechend eine spezielle Operation, welche systembildenden Charakter aufweist.

Streng genommen sind Systeme für Luhmann operational geschlossen. Sie bestehen durch den Anschluss von Operationen an Operationen (Gedanken an Gedanken; Kommunikationen an Kommunikationen).
Die Operationen verlassen das System grundsätzlich nicht. Kein System kann außerhalb seiner Grenzen operieren.
        --> Publikum ist Teil des Systems

“Kein Gedanke verlässt das Bewusstsein, das durch ihn mit gebildet wird; keine Kommunikation verlässt das soziale System, das durch sie mit gebildet wird.”

Von einem evolutionären Standpunkt ausgesehen ist für Luhmann das Zustandekommen von Kommunikation unwahrscheinlich.
Faktoren, die bei der Kommunikation unwahrscheinlich sind:

           1. Verstehen – der Vollzug der Einheit der Kommunikation
          2. Erreichen des Adressaten
           3. Erfolg – Akzeptanz und Annahme der Mitteilung, sowie der Anschluss
           weiterer Kommunikationen

Paul Watzlawik - Radikaler Konstruktivismus

Paul Watzlawik geht davon aus, dass keinerlei Wahrnehmung ein Abbild der Realität liefern kann, sie dagegenstets eine Konstruktion aus Sinnesreizen und Gedächtnisleistung eines Individuums darstellt. Deshalb ist Objektivität im Sinne einer Übereinstimmung von wahrgenommenen (konstruiertem) Bild und Realität unmöglich. Ausnahmslos jede Wahrnehmung ist subjektiv.

3.        Implikationen

3.1        Grundsätzliches


Durch die Gleichberechtigung der am System beteiligten Gruppen ist die klassische räumliche Teilung zwischen Bühne, Orchester und Publikum sowie die klassische     dramtische Gliederung in Musik, dramatische Handlung und Rezipient hinfällig.

Wenn dies so ist, dann entsteht die Möglichkeit, wenn nicht gar die Notwendigkeit, dass sich  alle Bereiche des Systems Musiktheater zentral regulieren lassen.
Die Spielanweisungen für alle Beteiligten des Systems (Sänger, Orchester, Publikum)
sind folglich in der Partitur geregelt. Die Partitur wiederum liegt bei der musikalischen Klangerzeugung, sie rückt in den Mittelpunkt und ist zentraler Impulsgeber für die Handlungen des Systems.

Das Publikum soll dabei zeitweilig sowohl zum Orchester (Klangerzeugung durch Klingeltöne), als auch zum Dirigenten (Auslösen musikalischer Handlungen durch Anrufzeitpunkt) werden.
Die drei Handlungsgruppen des Musiktheaters sollen jedoch in ihrer ursprünglichen Funktion wahrnehmbar bleiben. Das heisst, die Sänger Schauspielen in erster Linie und kommunizieren dabei mit den anderen Gruppen. Es werden aber keine Sänger für das Publikum in die Zuschauergruppe platziert, die für das Publikum nicht als solche erkennbar wären.
Die traditionellen Beiträge des Publikums zur Aufführung - wie Applaus - bleiben
von der Partitur unberührt und damit für spontane Reaktionen erhalten.

3.2        Dramaturgische Aspekte

Das Stück thematisiert den kollektiven Kommunikationsprozess der beteiligten Personen (was das Publikum beinhaltet) innerhalb der vom Werk vorgegebenen Parameter. Durch die Festlegung von Rahmenbedingungen werden Situationen definiert, in denen der Kommunikationsprozess statt finden kann.
Durch den Vorgang der Verständigung, der stets mit Informationsverlusten und Fehlinterpretationen verbunden ist, sowie durch die eigenen Vorerfahrungen der bei der Aufführungen Handelnden, kommt es zu einer speziellen, individuellen Ausprägung und einer Art Selbsterhaltung des Systems, der Autopoiesis.

Die Gesamtsituation der musiktheatralischen Aufführung bildet die Handlung. Sie
ist in diesem Sinne, da sie sich selbst erhält und bildet, rekursiv und autopoietisch.
Im Sinne dieses Konzepts gibt es bei den Aufführungen keinen Dirigenten (für
die Proben ist ein Koordinator sicher sinnvoll). Es gibt aber einzelne Akteure,
die Orientierungspunkte für die anderen bieten (Leuchtturm) sowie einen Timecode, der, vordergründig nicht
wahrnehmbar, an manchen Stellen ein Raster bietet (z.b. durch Festnetztelefon-
thema, siehe weiter unten).
Es übernimmt jede Gruppe des Systems zu mindestens einem Zeitpunkt die Rolle des Informationsvermittlers:
    - Publikum: 2. Situation, liefert Thema für Spiel der Instrumentalzirkel
    - Sänger: durch Anruf bei Zuseher Auslöserfunktion
    - Instrumentalzellen: in Ständiger musikalischer Kommunikation mit anderen Zellen

Als Medien bzw. Übermittler treten dabei auf:
    - Lichtsignale der Instrumentalzellen
    - Telefonate zur Klangerzeugung
    - textliche Aussagen der Sänger (noch auszuarbeiten)
    - die Instrumentalzellen als Träger der musikalischen Information selbst

Um verschiedene Ausgangsparamter der Kommunikation innerhalb des Systems         versinnbildlichen zu können, ist das Stück in 3 Situationen gegliedert. Diese
beschreiben eher Zustände, als dass sie den Rahmen für eine Handlung bilden
würden. So vollzieht sich keine dramaturgische Entwicklung in dem Sinne, das die Aufgabe der Personen oder der Musik die Darstellung und Illustration der Charaktere wäre.
Jedoch durchlaufen Bühne, handelnde Personen und Musik durchaus Veränderungs-prozesse innerhalb der einzelnen Situationen, indem sich ihre Stellung innerhalb des Systems, ihre Eigenschaften und ihre Aufgabe ändern.   
Die 3 Situationen unterscheiden sich in ihren Ausgangsparametern. Insofern gibt es eine Entwicklung von Situation zu Situation bzw. eine Veränderung. Die veränderlichen Ausgangsparameter betreffen beispielsweise:
        - musikalische Vorgaben an die Instrumentalzellen, Spielanweisung
        - räumliche Positionierung und Beweglichkeit der IZ und damit verbundene
          Entwicklungsmöglichkeiten der Musik
        - Prinzip der Informationvermittlung : visuell, akustisch, medial
        - Funktion der Bestandteile des Stücks (IZ, Sänger, Publikum, ...) und speziell
          die Aufgabe in der Kommunikation und Interaktivität



3.3        Schema der Kommunikation innerhalb des Musiktheaters

 

4.        Umsetzung

4.1      Besetzung

    
5         SängerInnen
           Stimmlage beliebig, vom Inszenierenden frei zu bestimmen

10       Instrumentalisten
           zu 2 5er-Gruppen angeordnet

10       Festnetztelefone
           mit auskomponierten Klingeltönen

10       Zuseher
           (bestenfalls Kritiker, die sich wohl freuen, Gelegenheit zu haben, Musik aktiv gestalten zu können)
           mit 10 Mobilfunktelefonen und deren freien Klingeltönen
           sie geben ihre Rufnummern am Einlass an, um später im Stück
           angerufen werden zu können


Instrumentalgruppe 1:

          Instrumentalzelle 1.1 (IZ1.1):        Violine 1
          Instrumentalzelle 1.2 (IZ1.2):        Violine 2
          Instrumentalzelle 1.3 (IZ1.3):        Viola
          Instrumentalzelle 1.4 (IZ1.4):        Cello
          Instrumentalzelle 1.5 (IZ1.5):        Bass


Instrumentalgruppe 2:

          Instrumentalzelle 2.1 (IZ2.1):        Flöte 1
          Instrumentalzelle 2.2 (IZ2.2):        Flöte 2
          Instrumentalzelle 2.3 (IZ2.3):        Klarinette    
          Instrumentalzelle 2.4 (IZ2.4):        Horn
          Instrumentalzelle 2.5 (IZ2.5):        Fagott

4.2        Stimmung / Tonvorrat

Es werden die ersten 16 Teiltöne auf dem jeweiligen Grundton gebildet und als Tonhöhen des Tonvorrats festgelegt. Die entstandenen Skalen können nach oben oder unten transponiert werden.
Die Zeichen für die mikrotonalen Tonhöhen wurden aus dem 4. Streichquartett von Georg Friedchrich Haas übernommen und etwas erweitert, um dem Tonraum gerecht zu werden. Die Centabweichungen von der temperierten Stimmung wurden unter den Skalentönen angegeben.

4.3        Technische Notwendigkeiten

Instrumentalzellen (IZ)

Die Isolation der Instrumentalzellen ist notwendig für das Prinzip der 2. Situation “Stille Post”, dient aber auch der besseren Verständigung in Situation 1 und 3. Es ist offensichtlich, dass dieses Bühnenelement als aufwendig zu sehen ist. Jedoch fanden bereits im jahr 2004 am Wiener Gürtel von Oliver Hangl inszenierte Kopfhörerkonzerte statt, bei welchen aus einem Glaskubus (bspw.: Olga Neuwirth und Berkhard Stangl) musiziert wurde. Das Publikum rezipierte die generierten Klänge ausschließlich über Lautsprecher. Eine grundsätzliche Realisierbarkeit ist also gegeben.
Die Isolation der Instrumentalzellen beinhaltet auch eine dramatische Bedeutung. Sie können mit der Außenwelt nur über spezielle Kommunikationskanäle in Kontakt treten.

Ein weiterer wichtiger Aspekt der Instrumentalzellen ist ihre räumliche Dimension. Sie sind als Element für die Bühnengestaltung wichtig und bieten so neben ihrer funktionalen Wichtigkeit auch eine ästhetische Relevanz. Durch das von den Musikern im Inneren erzeugte Leuchten (im Rhythmus ihres Spiels), generieren sie eine weitere Erzählebene und sind der zentrale Aspekt der Bühne. Die Lichteinsätze können durch die Musiker mit einem Fußtaster gesteuert werden.
Durch die Gleichzeitigkeit von Funktion und Bühnenbild kann Budget, welches für die Bühne benötigt würde für, die Konstruktion der Instrumentalzellen verwendet werden. Die Aufgabe eines Bühnenbildners wäre demnach die Gestaltung der IZs.

4.5        Situationen 1 bis 3 - Bühnensetting, Handlungsanweisungen und Partitur