Bei Anruf Mord
Im Theater der Altstadt ist es rabenschwarz. Schrille Geigen zerren an den Nerven, hallen nach, vermischen sich mit gespenstischem Trommelwirbel. Die Musik von Andreas Pirchner schwört gleich zu Beginn von »Bei Anruf Mord« auf den folgenden Psychothriller ein. Perfekter Suspense-Effekt, ganz im Sinne Alfred Hitchcocks, der 1954 das Stück von Frederick Knott verfilmt hat. Und so schwant dem Publikum schon von Anfang an nichts Gutes. Das picobello eingerichtete Heim von Sheila und Tony Wendice wirkt gruselig. Und wenn Sheila ihrem Ex-Lover Max versichert, ihr Ehemann sei ein liebevoller Mensch geworden, so will man sie vor diesem Scheusal warnen - ohne Tony je gesehen zu haben. »Bei Anruf Mord«, 1952 als BBC-Fernsehsendung uraufgeführt und wenig später in einem Londoner Theater zum Kassenschlager avanciert, ist kein Action-Krimi mit Knalleffekten. Sondern ein intelligent-perfides Gedankenspiel um den perfekten Mord. Zuhören und mittüfteln ist die Devise. Regisseur Uwe Hoppe hat das dialoglastige Stück mit Bravour inszeniert. Spannend und mit Sinn für die kleinen, verräterischen Gesten. Dabei konnte er sich auf erstklassige Schauspieler verlassen. Denn das Ensemble lässt sich nicht von Hitchcocks Kinobildern und -ikonen einschüchtern. So überzeugt Antje Weiser mit intensiv-zurückhaltendem Spiel als Sheila. Sie braucht Grace Kellys Vorlage nicht zu fürchten, die sie stärker, selbstbewusster und sympathischer gestaltet. Man wünscht der klugen Frau so sehr den Ehemann vom Hals, der sie seit Monaten täuscht und umbringen will. Reinhold Weiser gelingt der Spagat, als Tony charmant und verschlagen zu agieren, gleichzeitig abstoßend und einnehmend zu wirken. Man hört es förmlich in seinem Hirn rattern, wenn seine Pläne plötzlich durchkreuzt werden und er blitzschnell umdisponieren muss. Und wenn er den armen Captain Lesgate (glaubwürdig: Torsten Fuchs) in die Rolle des Mörders hineinredet, ärgert man sich über seine Widerwärtigkeit und freut sich, wie genial er alles eingefädelt hat. Lou Bertalan schafft es, als verliebter Krimiautor Max Halliday, seinen Spürsinn mit unterdrückten Emotionen aufzuladen. Bühnenbild (Liesl Raff) und Kostüme (Claudia Flasche) sind perfekt aufeinander abgestimmt und schaffen eine komprimierte 50er-Jahre-Atmosphäre. Weiße Lamellenvorhänge strukturieren den Wohnraum des Ehepaars, der von ausgewählten Möbeln, wie Nierentisch und Messinggarderobe, akzentuiert wird. Herzstück und grandioser Regieeinfall ist die Milchglastüre, die in entscheidenden Momenten zu leuchten beginnt. Eine clevere Hommage an das mysteriöse Milchglas in Hitchcocks vergiftetem Ehedrama »Verdacht«. Das traute Heim als subtiles Horrorkabinett. Nicht nur in den Fifties, auch heute noch sorgt das für Gänsehaut. Annik Aicher |